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Die Kurden
Das Bergvolk zwischen Mesopotamien und Kleinasien drohte oft in seiner Geschichte in Vergessenheit zu geraten – wenn es ins Rampenlicht trat, lag stets Unheil ueber dem eurasischen Kontinent. Das war so zu Zeiten der Perser, der Kreuzritter, der Mongolen und der Osmanen – und das ist auch jetzt so, im Zeichen des bevorstehenden Irakkrieges.
EM - Die Kurden sind eines der aeltesten Kulturvoelker der Erde. Schon vor ueber viertausend Jahren wurden sie in sumerischen Texten erwaehnt. In der Antike kannte man sie unter verschiedenen Namen – auf welche Weise schliesslich der Name „Kurde“ entstanden ist, darueber streiten sich die Gelehrten bis heute.

Zwischen dem biblischen Berg Ararat und dem Persischen Golf, von den Ufern des Tigris bis weit in den Iran hinein leben Kurden – mitten im Brennpunkt des Nahen Ostens. Ihr Siedlungsgebiet ist annaehernd so gross wie Deutschland. Es bildet die Landbruecke zwischen Russland und dem Persischen Golf – und damit dem Indischen Ozean. Zwei Drittel des irakischen Erdoels stammen aus kurdischem Boden.

Die Herkunft des Volkes liegt weitgehend im Dunkel der Geschichte
Die Herkunft des Volkes der Kurden liegt weitgehend im Dunkel der Geschichte verborgen. Sie beginnt nach grober Schaetzung irgendwann am Ende des zweiten Jahrtausends vor Chr. Mit der Einwanderung indogermanischer Arier nach dem Iran. In dem von Martin Strohmeier und Lale Yalin-Heckmann im Jahr 2000 herausgegebenen Buch ueber die Geschichte der Kurden heisst es dazu: „Die iranische Hochebene war seit alters her ein wichtiger Schnittpunkt zwischen dem Vorderen Orient und Zentralasien bzw. dem indischen Subkontinent sowie Schauplatz von Wanderungsbewegungen von Voelkern, die aus dem Osten kamen. Vermutlich sind die Vorfahren der Kurden um die Wende vom zweiten zum ersten Jahrtausend v. Chr. Im Zuge von Einwanderungswellen indogermanischer Arier nach West-Iran gekommen und haben sich mit der ansaessigen Bevoelkerung vermischt. Diese Region war Teil der altorientalischen Reiche der Sumerer, Assyrer, Urartaeer und Meder.“

Die kurdische Geschichte ist gepraegt von einer glanzvollen fruehen Vergangenheit, von tiefer Zerrissenheit, von Leid und Unterdrueckung. Die Kurden sind bis zum heutigen Tag ein Volk ohne eigenen Staat. Ihre Bevoelkerung ist aufgeteilt auf die Tuerkei, den Iran, den Irak, Syrien und auf kaukasische Gebiete der ehemaligen Sowjetunion.

Es gibt bis heute keine genaue geographische Definition von Kurdistan. Die Staaten, zu deren Territorien die kurdischen Gebiete gehoeren, versuchen mit allen Mitteln, eine solche Abgrenzung und Begriffsbildung erst gar nicht entstehen zu lassen. Doch auch wenn versucht wird die Existenz Kurdistans zu leugnen, existiert dennoch seit ueber tausend Jahren eine Region dieses Namens. In der Sprache der Perser bedeutete der Name Kurdistan auch ganz klar „Land der Kurden“. Damit wurde eine Provinz des persischen Reiches bezeichnet, in der die tuerkischstaemmigen Seldschuken herrschten. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert uebten sie die Macht ueber weite Teile des Vorderen Orients aus. Auch im Osmanischen Reich gab es eine Provinz mit dem Namen Kurdistan.

Erinnerungen an die indogermanische Vergangenheit der Kurden
Ueber die Vergangenheit der Kurden und ihre urspruenglichen Lebensformen gibt es wenig verlaessliche Quellen, wohl aber eine Fuelle von interessanten Indizien. „Die kulturellen Wurzeln der Vorfahren der Kurden liegen ueberwiegend in den altiranischen und altindischen Zivilisationen begruendet“, heisst es in der bereits zitierten Geschichte der Kurden von Strohmeier/Yalin-Heckmann. Ihre religioesen Anschauungen duerften auch heute noch in Spuren in den kurdischen Glaubensanschauungen vorhanden sein, schreiben die Autoren. Demnach wuerden sowohl eine gewisse Verehrung von Naturelementen wie Feuer und Wasser, als auch Reste aus den Lehren des persischen Religionsstifters Zarathustra im kurdischen religioesen Leben noch eine gewisse Rolle spielen. Die ueberwiegende Mehrheit der Kurden bekennt sich heute zum sunnitischen Islam, einer der beiden grossen Glaubensrichtungen innerhalb des Islams.

Erinnerungen an graue Vorzeiten halten die Kurden mit einer Art National-Legende aufrecht. Held ist ein Schmied, der den Tyrannen Zaehak erschlug, dem taeglich zwei Kinder geopfert werden mussten. „Ohne dass es dafuer historische Nachweise gaebe, datiert man in der kurdischen Nationalliteratur dieses Ereignis auf den 21. Maerz im Jahr 1234 vor Hedschra, der Flucht Mohammeds aus Mekka, was dem Jahr 612 v. Chr. Entspricht. Das Datum hat allerdings groesste geschichtliche Bedeutung. An jenem Tag naemlich wurde die assyrische Hauptstadt Ninive von den Medern erobert, als deren Nachfahren sich viele Kurden verstehen, und die assyrische Geschichte damit beendet.“ So schreibt Dr. Guenther Deschner in seinem Buch „Saladins Soehne“. Der Autor hat auf zahlreichen Reisen Kurdistan und die Kurden kennengelernt und packende Reportagen mitgebracht.

Deschner berichtet: „Alle Kurden, auch die im europaeischen oder amerikanischen Exil, feiern diesen Tag als Neujahr, als ‚Newroz‘. Es ist ein Tag, an dem man die besten Kleider anzieht. Die Frauen tragen bunte, weitgeschnittene, brokatartige Gewaender und ihren Goldschmuck. Es wird gut gegessen, gesungen und getanzt.“

„Auf den Berggipfeln und Anhöhen in Kurdistan“ schreibt Deschner, „leuchten am ‚Newroz‘-Abend zahlreiche Feuer in die Nacht hinein, genau wie die Fruehlings- und Osterfeuer im skandinavischen, deutschen und teils auch osteuropaeischen Raum“. Er vermutet, dass sie auf „indogermanische Einfluesse“ zurueckgehen. Deschner: „So wie der 21. Maerz als Tag- und Nacht-Gleiche auch bei Germanen, Kelten und Slawen als Fruehlingsbeginn gefeiert wurde und noch heute mit dem Fruehlingsbrauchtum des Osterfestes zusammenhaengt, ist auch das Neujahrsfest ‚Newroz‘ als Wechsel der Jahreszeiten zu verstehen.“

Schon immer war Kurdistan ein strategisch wichtiges Gebiet
Die Kurden leben seit jeher in einer Region Eurasiens, die von besonderer strategischer Bedeutung ist. In unserer Zeit sind es vor allem die Oelvorkommen, die Kurdistan interessant machen und der Wasserreichtum aus seinen Bergen. Auf beides moechten weder der Irak noch die Tuerkei verzichten. Die wichtigsten Oelfelder des Irak liegen in den Randgebieten Kurdistans bei den Staedten Kirkuk und Mosul. Im tuerkischen Ostanatolien um Batman wird ebenfalls auf kurdischem Gebiet Oel gefoerdert. Dies ist mit ein Grund, warum weder Tuerken noch Iraker die Kurden in einen eigenen Staat entlassen werden. Beide Laender wuerden dadurch riesige Reichtuemer verlieren.

Im Zentrum Kurdistans liegt der oestliche Teil des Taurusgebirges. Er gehoert zur Tuerkei. Hier entspringt der Euphrat. Die westlichen Berge des Zagros ragen im iranischen Teil Kurdistans auf. Mit 5165 Metern ist der Berg Ararat im aeußersten Norden die hoechste Erhebung des Kurdengebietes. Im Westen fallen die zerkluefteten Gebirgszuege in das anatolische Hochland der Tuerkei ab, im Sueden zur mesopotamischen Tiefebene und zur syrischen Wueste. Durch seine Unzugaenglichkeit war Kurdistan ueber Jahrhunderte von den Handelswegen des Orients ausgeschlossen.

Nicht nur die Landschaft Kurdistans ist von grossen Gegensaetzen zwischen Ebenen, Wuesten und Gebirgen gekennzeichnet. Auch sein Klima weist extreme Unterschiede auf. Im gebirgigen Norden des Landes fallen die Temperaturen im Winter auf bis zu minus 30 Grad Celsius. Im Nordirak, in der Gegend um Kirkuk, steigt das Quecksilber im Sommer oft auf bis zu 40 Grad

Die Bedeutung der Kurden fuer die Geschichte des Orients
Die Kurden spielten im Orient seit jeher eine bedeutende Rolle und stellten mit Kerim Khan Zend von Ardelan sogar einen persischen Kaiser. Die einzige Chronik der Geschichte des kurdischen Volkes, die von einem Kurden selbst verfasst worden ist, stammt aus dem Jahr 1596. Sie traegt den Titel „Arich el-Akrad“ und stammt von Scheref Khan, dem Oberbefehlshaber des kurdischen Heeres im Fuerstentum Bitlis. Davon ist der Name einer tuerkischen Stadt in Ostanatolien geblieben, die in der Naehe des Goeli-Sees liegt.

„Das Ziel Scherefs war es“, schreibt Deschner, „mit dieser Chronik, dem ersten Versuch einer Darstellung der kurdischen Geschichte ueberhaupt, die Vergangenheit seines Volkes zu erhellen und dadurch in den staendigen Kaempfen zwischen Osmanen und Kurden das Bewusstsein einer eigenstaendigen kurdischen Nation zu formen.“

Im Westen ist Kurdistan vor allem durch ein Abenteuerbuch zum Begriff geworden
„Seit Tagen befand ich mich in einem Zustand der Spannung wie seit langem nicht. Es gibt kein Land der Erde, das so zahlreiche Raetsel birgt wie der Boden, den die Hufe meines Pferdes beruehrten. Es ist eine Landschaft, in der Voelkerhass, wilder Fanatismus und die Geissel der Blutrache Legionen von Opfern gefordert haben.“

Dieses Zitat ueber Kurdistan stammt von einem der bekanntesten Autoren von Abenteuerromanen. Der Held seines beruehmtesten Buches, ein Reisender aus Deutschland, dem er den Namen Kara ben Nemsi gegeben hatte, reist „Durchs wilde Kurdistan“. So lautet der Titel des romanhaft-fiktiven Berichts. Die Abenteuer des Kara ben Nemsi flossen aus der Feder des saechsischen Hilfslehrers Kal May und haben ein Millionenpublikum in aller Welt begeistert.

Islamische Quellen berichten ueber die Geschichte der Kurden
Mit dem Entstehen des Islams und seiner raschen Ausbreitung im 7. Jahrhundert n. Chr. wird die Geschichte der Kurden an Hand von Dokumenten nachvollziehbar. Denn nun taucht sie in den muslimischen Quellen auf und ist von da ab gut dokumentiert. Die kurdischen Gebiete werden dem aufstrebenden islamisch-arabischen Reich eingegliedert, das sich in kurzer Zeit nach Persien, bis an die Grenzen Indiens, zum Kaukasus, an den westlichen Rand Afrikas und ueber Spanien ausdehnt (Siehe „Die Mauren“). Im Zuge dieser muslimischen Expansion wurden die Kurden ebenfalls islamisiert.

Es entstanden nun in verschiedenen kurdischen Regionen und Staedten kurdisch-islamische Dynastien. Eine sehr erfolgreiche war die der Marwaniden, die im Gebiet zwischen Mosul, Diyarbakr und Nusaibin ueber ein Jahrhundert lang herrschte. Die bekannteste dieser Dynastien ist die der Ayyubiden, die Mitte des 12. bis Mitte des 13. Jahrhunderts die Macht ueber Aegypten, Syrien, Teile Mesopotamiens und den Jemen ausuebte. Der Schwerpunkt ihrer Herrschaft lag infolge dieser grossen Ausdehnung laengst nicht mehr im Gebiet von Kurdistan.

Die strahlende Herrschergestalt des Sultan Saladin
Im Mittelalter stellten die Kurden mit Sultan Saladin (kurdisch Sala ad-Din), der die Kreuzfahrer aus Jerusalem vertrieb, eine der strahlendsten Herrschergestalten ihrer Geschichte. Zu dieser Zeit kaempften kurdische Kontingente in Syrien gegen die europaeischen Ritter auf Seiten der muslimischen Araber. Unter ihrem kurdischen Fuersten Sultan Saladin besiegten sie 1187 bei Jerusalem das 60 000-Mann-Heer der Kreuzritter und eroberten die Heilige Stadt für den Islam zurueck. „Furcht und Schrecken ergriffen die Herzen der Christen“, heisst es darueber in einer arabischen Chronik, „und sie flehten um Gnade. Salah ad-Din schenkte den Franken das Leben und die Freiheit.“ Bis heute wird Saladin als die herausragende Persoenlichkeit der kurdischen Nationalgeschichte verehrt.

Jahrhundertelang wurde die Geschichte der Kurden vom Osmanischen Reich gepraegt
Beim Mongoleneinfall in Vorderasien zu Beginn des 13. Jahrhunderts n. Chr. wurden grosse Teile Kurdistans von den Reiterhorden des Grosskhans erobert. Hundert Jahre spaeter wuetete Timur-i Laeng, der in Usbekistan geborene Herrscher eines Reiches, das sich von Mitte des 14. Jahrhunderts bis Anfang des 15. Jahrhunderts von Indien bis zum Mittelmeer erstreckte und auch Persien und Kurdistan unterworfen hatte. Dieser linksseitig teilweise gelaehmte brutale Eroberer, im Westen „Tamerlan“ genannt, hat viele Staedte und Dörfer Kurdistans ausgeloescht. Man denkt unwillkuerlich an ein Pendant unserer Tage, den beruechtigten Usbekengeneral Abdul Raschid Dostam, der eine Blutspur durch Afghanistan gezogen hat.

Es wurde nun „still um die Kurden“, heisst es in dem Geschichtswerk des Autorengespanns Strohmeier/Yal?in-Heckmann. In den folgenden Jahrhunderten praegte vor allem das Osmanische Reich, das vom 14. Jahrhundert bis 1922 bestand, ihre Geschichte.

Dieses Reich hatte seine Wurzeln in der mongolischen Expansion von Zentralasien in die westlich davon gelegenen Laender. Mit ihr gelangten tuerkische Voelkerschaften nach Westen. Sie kamen teilweise als Fluechtlinge, die vor den Reiterhorden der Grosskhane flohen, zum Teil zogen sie selbst in den Mongolenheeren mit. Diesen Voelkern, zum Beispiel den Ogusen, gelang es in Kleinasien, verschiedene Herrschaften zu errichten. Das osmanische Fuerstentum war auf Dauer das erfolgreichste. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts entstand daraus die Keimzelle des Osmanischen Reiches. Es dehnte sich in den folgenden Jahrhunderten durch eine Reihe von Eroberungen angrenzender Gebiete immer weiter aus. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts kamen diese zum Stillstand.

Im Reich der Osmanen lebten schliesslich Tuerken, Araber, Bosnier, Albaner und Kurden nebeneinander. Sie waren allesamt Muslime. Zwischen den alteingesessenen kurdischen Herrscherfamilien und dem tuerkischen Sultanat wurden teilweise Autonomievereinbarungen getroffen. Die Kurden mussten den Treueid leisten, brauchten aber der tuerkischen Oberhoheit weder Soldaten zu stellen noch Steuern zu zahlen. Die osmanische Verwaltung hatte in Kurdistan einen entsprechend geringen Einfluss.

Im persischen Teil Kurdistans gab es ebenfalls autonome Herrschaften. Ihre Fuersten fungierten praktisch als Statthalter der Zentralregierung . Etwa 300 Jahre lang, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, existierten diese kurdischen Fuerstentuemer auf beiden Seiten der Grenze zwischen Persien und der Tuerkei. Die Trennlinien der beiden Nachbarlaender verliefen dadurch fliessend. Unbehelligt zogen nomadisch lebenden kurdischen Hirten von einer Seite auf die andere. Erst kurz vor dem 1.Weltkrieg legten Persien und die Tuerkei einen genauen Grenzverlauf fest.

Waehrend dieser 300 Jahre kam es in den weitgehend autonomen Kurdengebieten jedoch auch immer wieder zu Versuchen, sich ganz von der jeweiligen Zentralgewalt zu loesen. Das war auf tuerkischer Seite nicht anders als auf der persischen. Es gab eine ganze Reihe von kurdischen Aufstaenden, die jedoch von Tuerken und Persern allesamt niedergeschlagen wurden. Nach einem solchen Durchgreifen tuerkischer Truppen wurde im Osmanischen Reich sogar eigens eine „Medaille des Sieges ueber Kurdistan“ gepraegt. Im Gegensatz zur spaeteren Republik Tuerkei hatten die Osmanen offenbar kein Problem mit dem Begriff „Kurdistan“, mit dem sie das ueberwiegend kurdisch besiedelte Ostanatolien belegten.

Das groesste Volk der Erde, das ohne eigenen Staat lebt
Wirklich zuverlaessige Angaben ueber die Zahl der heute lebenden kurdischen Bevoelkerung liegen nicht vor. Schaetzungen belaufen sich auf 45 bis 65 Millionen Kurden, die zur Haelfte auf die Tuerkei entfallen. Im Iran sollen rund 9 Millionen Kurden leben, im Irak gut 8 Millionen,im GUS Staaten rund 2,5 Millionen,im deutschland gut eine million,im Armenien rund 2 millionen,im kasachsten 0,8 millionen und in Syrien rund 3,5 Million. Die Zahl der Kurden in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion wird auf rund 900 000 geschaetzt.

Saladins Nachfahren, die Kurden von heute, sind das groesste Volk der Erde, das nicht in einem eigenen Staat lebt. Ihr Versuch, eine eigene Nation und eigene staatliche Souveraenitaet zu erlangen, ist immer wieder an den Interessen der sie umgebenden Maechte, aber auch an eigener kurdischer Zerstrittenheit gescheitert.

Seit ueber einem halben Jahrhundert kaempfen sie nun auch mit Gewalt um ihre nationalen Rechte. Ihre blutigen Aufstaende wurden aber stets grausam unterdrueckt. Dennoch liessen sie sich auch immer wieder fuer die Interessen anderer Maechte missbrauchen, in der Erwartung als Lohn ihren eigenen Staat zu bekommen, die jedoch noch jedesmal enttaeuscht wurde.

Grosse Hoffnung auf einen eigenen Staat keimte 1920 in Kurdistan auf. Nach dem Sieg der Alliierten im Ersten Weltkrieg hatte US-Praesident Woodrow Wilson eine 14-Punkte-Erklaerung vorgelegt, die eine neue Friedensordnung versprach. Im Mittelpunkt sollte das Selbstbestimmungsrecht der Voelker stehen. General Sherif Pascha, ein Kurde, der waehrend des Krieges in tuerkischen Diensten gestanden hatte, wurde als Vertreter der kurdischen Freiheitsbewegung zu den Pariser Friedensgespraechen entsandt. Er ueberreichte dort die kurdischen Forderungen.

Ziel der Alliierten war es damals vor allem, das osmanische Grossreich zu zerschlagen und ihren Interessen entsprechend aufzuteilen. Die Tuerken mussten auf alle nichttuerkischen Provinzen verzichten: Albanien und Teile des neu zu schaffenden Staates Jugoslawien sowie Nordgriechenland und Makedonien. Das nordafrikanische Tripolis wurde den Italienern zugeschoben. Das arabische Kuestenland vom Hedschas bis zum Jemen beanspruchten die Briten, ebenso Mesopotamien. Die bisherige osmanische Oberhohheit ueber Aegypten uebertrugen die Englaender schliesslich auf sich selbst. Syrien wurde franzoesischer Oberhohheit unterstellt. Ein Teil Anatoliens war bereits fuer ein autonomes Kurdengebiet vorgesehen.

Die Kurden setzten vergebens auf das Selbstbestimmungsrecht der Voelker
Entsprechend gross waren die Hoffnungen der Kurden als der alliierte Hohe Rat am 11. Mai 1920 der osmanischen Delegation den in Sevres, einem Konferenzort im westlichen Aussenbezirk von Paris ausgehandelten Vertrag ueberreichten. Er sah in zwei Paragraphen ein kurdisches Autonomiegebiet vor mit kultureller und politischer Selbstverwaltung.

Aber die tuerkische Nationalbewegung unter Mustafa Kemal verhinderte seine Verwirklichung. Kemal wurde der neue starke Mann in der entstehenden tuerkischen Republik. Der Sultan in Instanbul wurde abgesetzt, die Hauptstadt nach Ankara verlegt und von Autonomie fuer die Kurden oder gar von einem eigenen Staat war nun nicht mehr die Rede. Die tuerkische Regierung leugnete schliesslich sogar die Existenz der Kurden. Sie bezeichnete die Angehoerigen dieses Jahrtausende alten Volkes nur noch als „Bergtuerken“, verbot den Kurden die eigene Sprache und versuchte auf diese Weise seine Kultur auszuloeschen.

Blut fuer Oel - seit 70 Jahren geht es bei allen Kriegen in der Golfregion nur um das eine
Die Weltoeffentlichkeit, oder wie man heute sagt, die Internationale Gemeinschaft, nahm davon keine Notiz. Die Großmaechte waren an den Kurden nicht interessiert. Es drehte sich damals schon alles um die Erdoellagerstaetten. Um ihrer Beherrschung willen wurden seit den dreissiger Jahren nahezu alle Kriege gefuehrt, die im Gebiet zwischen dem Nil und dem Persischen Golf stattfanden. Es wurden Machtkaempfe inszeniert und Regierungen gestuerzt. 1958 waren US-Marineinfanteristen im Libanon gelandet. Biriten und Franzosen bombardierten den Suez-Kanal. Der jordanische Koenig wurde von den westlichen Maechten gegen die Palaestinenser unterstuetzt, als diese eine Gefahr fuer den Monarchen wurden. Das alles geschah zum Schutz der westlichen Oelinteressen. Auch der CENTO-Pakt von 1958, dem der Gedanke eines prowestlichen Staatenguertels von der Tuerkei ueber den Irak, Persien und Afghanistan bis nach Pakistan zugrunde lag, war wegen des Schutzes dieser Oelinterssen geschlossen worden.

Die Amerikaner bauten schliesslich Saddam Hussein zum Herrscher des Irak auf, ruesteten ihn mit modernen Waffen aus und ermoeglichten es ihm so, zum Schlaechter an zigtausenden von Kurden zu werden.
Die innerkurdische Zerrissenheit verhinderte seit den zwanziger Jahren einen gemeinsamen Kampf um einen eigenen Staat oder zumindest eine Autonomie fuer die kurdisch besiedelte Region. Stattdessen kam es zu unterschiedlichen Zeiten in den einzelnen Staaten immer wieder zu Aufstaenden, waehrend derer sich die jeweils kaempfenden Kurden meistens von einem der Nachbarstaaten unterstuetzen liessen, selbst wenn diese ihrerseits die innerhalb ihrer eigenen Staatsgrenzen lebenden Kurden unterdrueckten.

Der Wunsch, eine Nation zu bilden war dennoch schon lange im kurdischen Volk lebendig. 1898 wurde die erste kurdisch- und osmanischsprachige Zeitung „Kuerdistan“ durch einen kurdischen Verleger gegruendet. Ihre Verbreitung wurde jedoch im Osmanischen Reich verboten. In der Tuerkei und in Persien reagierten die Zentralregierungen auf die nationalen Bestrebungen der Kurden mit der Unterwerfung ihrer autonomen Fuerstentuemer.

Doch auch danach kam es immer von neuem zu Aufstaenden, bis ins ausgehende 20. Jahrhundert hinein. Vor allem in der Tuerkei und im Irak. Alle kurdischen Vereinigungen wurden verboten. Es kam zu Umsiedlungen und Deportationen, um die Staemme auseinanderzureissen, die Stammesstrukturen zu zerschlagen. Auch im Iran kaempfen die Kurden um ihre kulturelle Autonomie, auch dort gelten sie „nur“ als Iraner.

Mit dem Aufmarsch der USA und ihrer Verbuendeten gegen den Irak braut sich wieder Unheil zusammen ueber dem eurasischen Kontinent. Und wieder treten die Kurden ins Rampenlicht des Geschehens. Die im Nordirak lebenden Staemme wollen nach Bagdad marschieren, um den verhassten Diktator Saddam Hussein zu beseitigen und ihr Ziel, einen eigenen Staat zu erlangen, endlich doch zu erreichen. Aber der Plan des US-Imperiums in der Golfregion und den angrenzenden Laendern eine neue, seinen ureigensten Interessen dienende „Ordnung“ zu etablieren, wird keinen Raum lassen fuer einen kurdischen Staat.

 

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